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zunächst einmal spitze ich die Ohren und spiele Passage um Passage
als MIDI-File ein, und zwar alles, was ich höre. Nachher wird's aber
erst richtig interessant! Die Qualität der Aufnahmen aus den 30-er
und 40-er Jahren des vorigen Jahrhunderts ist ja zum Großteil katastrophal.
Das Ganze rauscht und kracht, daß es eine Freude ist. Es gibt Stücke,
da hört man ab dem g3 überhaupt nur mehr die Tasten klappern,
bei anderen wiederum setzt an den schwierigsten Passagen donnernder Applaus
ein und übertönt die Musik völlig. In den Bässen hört
man manchmal die Obertöne lauter als die Grundtöne, und dann
hat man lauter Quinten dort stehen, die unmöglich stimmen können.
Zudem waren auch die Studio-Einspielungen damals praktisch Live-Aufnahmen,
ohne Schnitte, Overdubs und ähnlichen Tricks, wie sie seit langem
üblich sind. Also müssen auch die Fehler herausgenommen werden,
und dazu muß man herausfinden, wie der jeweilige Pianist diese oder
jene Passage überhaupt gemeint haben könnte.
Da nützen einem die besten Ohren nichts mehr, das setzt einfach große
Erfahrung voraus! Man muß die Stile genau kennen und auch die Fingersätze,
die die Pianisten gewählt haben. Die schreibe ich dann, wenigstens
an den schwierigen Passagen, meist auch noch hin.
Jetzt
kann man natürlich streiten, was für einen Sinn es denn überhaupt
macht, mehrheitliche Improvisationen tongetreu wiederzugeben. Es gibt
ja nicht so viele genau durcharrangierte Titel - "Honky Tonk Train
Blues", "Boogie Woogie Stomp" und noch ein paar andere;
die meisten Yancey-Titel sowieso, aber dafür hat jedes seiner Stücke
mindestens drei verschiedene Namen. Das meiste jedoch wurde improvisiert,
ist also im jeweiligen Moment spontan entstanden und bekam dann irgendeinen
Titel.
Ich sage es mal so - es gibt wohl keinen anderen Weg, sich die Stilmittel
dieser Musik zu eigen zu machen, als sich einmal genau anzusehen, was
darin überhaupt passiert! Jeder, der das tut, wird von der "3-Harmonien-Musik"
ziemlich überrascht sein! Im Ursprung sah das nämlich ganz anders
aus. Die alten Meister verstanden eine Menge von Harmonien und Tonsatz;
lediglich das, was durch zahllose schwächliche Nachspielversuche
daraus gemacht wurde, hat diesem Stil seinen schlechten Ruf eingebracht.
Nur allzu viele Protagonisten dieser Musik - leider auch sehr bekannte
und erfolgreiche - lassen einfach alles weg, was sie nicht verstehen (oder
greifen können), und der klägliche Rest klingt fad und öd
und "wie immer wieder dasselbe". Und erst das macht diesen Stil
kaputt!
Das
konnte nur geschehen, weil es keine Noten gab. Ich wage mir nicht vorzustellen,
wie sich die Werke von Beethoven oder Chopin unter ähnlichen Umständen
entwickelt hätten! Wie auch immer, wer's nicht glaubt, dem kann ich
nur empfehlen, einmal so ein Original zu spielen. Natürlich, leicht
sind die Stücke nicht, das waren gute Pianisten, die alten Jungs.
Aber es lohnt sich!
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